Fotos: Selina Schrader / HiPi Aufmacher Radetzki
Thomas Radetzki

„Bienen zu halten ist eine Verant­wortung“

Thomas Radetzki ist Vorstand der Aurelia Stiftung. Diese Stiftung versteht sich als Anwalt der Bienen. Was das konkret bedeutet und welche Arbeit dahinter steckt, erklärt der Imkermeister aus Passion

Interview: Eva-Maria Hilker • Fotos: Selina Schrader

Der Sommer 2017 wird uns ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Es regnete in Strömen, dann gab es Tage, die waren tropisch heiß und schwül. Was machen denn die Bienen unter diesen klimatischen Verhältnissen?
Thomas Radetzki: Die Bienensaison ist längst vorbei. Wir Imker sind jetzt dabei, die Bienen winterfertig zu machen. Also zu schauen, ob sie genug Honigvorräte haben und den Befallsgrad der Varroamilben zu kontrollieren.

Stichwort Nahrung – wie ist die Situation im Verhältnis von Stadt und Land?
In Berlin ist die Lage grandios. Hier sind die Bienen hervorragend versorgt wegen der vielen Parks, der Alleebäume. Das kennt jeder Berliner. Da freuen wir uns alle daran, wenn wir abends im Lokal sitzen, wenn die Linde duftet – das macht mich als Imker glücklich, da sitze ich gerne draußen. Aber wenn Sie aus Berlin herausgehen, in die Agrarfläche, da sehen Sie die Probleme. In den neuen Bundesländern sind sie durch die großen ehemaligen LPGs sehr verstärkt, aber auch in den westlichen Bundesländern haben wir Regionen mit intensiver Agrarproduktion, mit großen Monokulturen. Es wird bis an den Asphalt gepflügt. Für die Bienen ist die moderne Landwirtschaft eine Wüste, in der sie hungern.

Wie bewerten Sie denn den Boom mit den Bienenstöcken auf den Berliner Dächern oder auch in Privathaushalten?
Inzwischen ist die Völkerdichte in Berlin hoch genug. Wir brauchen nicht unbedingt mehr Berliner Stadtimker. Was wir brauchen, ist eine Qualifizierung der Stadtimker. Bienen zu halten ist eine Verantwortung. In Zeiten von Bienensterben muss ich als Bienenhalter beurteilen können, in welchem Zustand die Völker sind, um bei Bedarf eingreifen zu können.

Was halten sie von den Boxen, die man sich in die Fenster oder auf den Balkon stellen kann?
Deswegen sind wir auch mit der Aurelia Stiftung in Berlin, um Politiker, Verbände, Stiftungen qualifiziert informieren zu können. Wenn Fragen auftreten, wie man solche Projekte bewerten soll. Bienen und Bienenhaltung sind ein, komplexes Themenfeld. „Retter der Bienen“ haben wir genug.

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Um den Bienen etwas Gutes zu tun heißt also, dass man jemanden unterstützt, der das professionell macht und nicht auf eine Art Haustierhaltung ausweicht?
Wir müssen mit den Begriffen aufpassen. Das Gros der deutschen Imker, etwa 95 Prozent, sind Freizeitimker. Ich nenne sie ungern Hobbyimker, den Hobby bedeutet keine Relevanz. Freizeitimker zu sein, bedeutet, einen wesentlichen Beitrag zur Ökologie der Landschaft zu leisten.

Haben Sie eine Zahl im Kopf, wie viel Freizeitimker es ungefähr gibt?
Ungefähr 100.000 in Deutschland. Es gibt wenige hundert Profis. Ich selbst bin Imkermeister und war lange Jahre im Prüfungsausschuss für die Lehrlinge in Baden Württemberg. Diese Ausbildung zu machen, ist für wenige Leute interessant. Aber auch der Freizeitimker braucht eine Qualifikation und sollte bedenken, wie er imkern will. Die Bienen haben nicht nur Milben, die Blut saugen, sie haben auch Imker. Manche saugen auch.

Sie meinen damit die Art der Haltung?
Es geht nicht nur um die Frage, wie belastet sind die Bienen von der Landwirtschaft und von weiteren externen Faktoren. Der konventionelle Imker benutzt auch Pestizide um beispielsweise die Varroamilbe zu bekämpfen.

Der Normalbürger assoziiert mit Imkerei eigentlich eine heile Welt.
Das war einmal. Imker arbeiten z.B. heute weltweit mit künstlichen Waben. Die Bienen dürfen ihre Waben gar nicht mehr selbst bauen. Eine Prägung auf der sogenannten Mittelwand standardisiert das Zellmaß. Diese Mittelwand ist die Grundlage der Waben, mit denen der Imker arbeitet. Die künstliche Wabe dient dazu, die Bienenpopulation im Bienen­stock in Bezug auf die Geschlechtlichkeit und in Bezug auf die Dynamik der Brutnest­entwicklung zu manipulieren. Also das Hauptinstrument der Manipulation, der Volksentwicklung durch den Imker ist die künstliche Wabe. Bei der wesensgemäßen Bienenhaltung arbeiten wir mit Naturwaben. Die Bienen machen das 30 Millionen Jahre, die können ihre Waben selbst bauen.

Der Imker nimmt also entscheidend an der Pflege teil und wie sich die Biene entwickelt.
Da ist einmal der Punkt mit den Waben und der andere ist die Vermehrung der Völker. Das Ausziehen des Schwarms um ein neues Volk zu gründen ist für den modernen Imker ein No-go. Obwohl es für Mutter Natur der einzige Weg ist, neue Völker zu gebären. Tatsächlich ist die gute fachliche Praxis im konventionellen Bereich die Unterdrückung des natürlichen Vermehrungstriebs des Volkes. An die Stelle wird eine künstliche Königinnenproduktion in Kombination mit der sogenannten Ablegerbildung gesetzt. Es muss aber nicht jeder Imker jeden Schwarm aus dem Flugloch ausziehen lassen. Wir haben Methoden entwickelt, die, wenn Sie so wollen, an einen Kaiserschnitt erinnern. Kurz bevor der Schwarm natürlicherweise kommt, nehmen ihn raus aus dem Volk.

Das müssen Sie mir jetzt noch einmal erklären, Volk und Schwarm.
Das Wort Schwarm wird in der Regel ungenau benutzt. Die Leute sagen, die Bienen schwärmen anstelle von fliegen. Die Bienen sind unterwegs und sammeln. Wenn man sagt, das Volk schwärmt, ist geht es um den Akt der Vermehrung. Da gehen dann aus dem Volk 15.000 Bienen mit der alten Königin raus. Die hängen sich als Traube an einen Baum oder auch an eine Ampel und suchen sich von da aus eine neue Wohnung. Bei den konventionellen Imkerei lernt man, wie man den natürlichen Vermehrungstrieb unterdrückt. Bei uns lernt man, wie integriere ich ihn in moderne Betriebsweisen.

Das ist die Aufgabe Ihrer Stiftung Aurelia?
Es ist eine unserer Aufgaben, zu helfen, dass diese Art der Haltung sich weiter gut entwickelt. Der Verein Mellifera e.V. dessen Vorstand ich lange war, hat inzwischen über 50 Regionalgruppen für wesensgemäße Bienenhaltung in der ganzen Republik, auch in Berlin. Aurelia versteht sich als Anwalt für die Bienen. Wir sind keine Lobbyisten, die verdeckt im Hintergrund irgendwelche einseitigen Interessen verfolgen. Die Bienen brauchen einen Anwalt, der offen kommuniziert, was den Bienen schadet und was hilft. Was den Bienen hilft, das hilft Mensch und Natur! Wir brauchen eine andere Landwirtschaft. Die Imkerei und die Gesundheit der Bienen ist gebunden an die Fläche. Honigbienen und die anderen Blütenbestäuber brauchen vielseitigen Pollen mit dem sie ihren Fett und Eiweißbedarf decken, im Nektar haben sie die Kohlehydrate.
Da geht es den Bienen so wie uns. Nur minderwertiger Maispollen macht krank. Das zusätzliche Problem ist, dass die fettlöslichen Wirkstoffe, die in der Agrarproduktion eingesetzt werden, auch im Blütenpollen sind. Im Nektar sind die wasserlöslichen. Blütenstaub ist in aller Regel vielfach belastet mit Pestiziden. Deshalb ist der Larvenfuttersaft, das ist die Milch der Bienenbrut, entsprechend mit Pestiziden belastet.
Zu all dem kommt die Varroamilbe, die sich 1976 in Deutschland ausbreitete. Das war der Anlass für die Gründung des Vereins Mellifera e.V. mit der Lehr- und Versuchsimkerei. Dort haben wir 1985 begonnen die wesensgemäße Bienenhaltung und auch die alternative Behandlung der Varroa Milbe mit Oxalsäure zu entwickeln. Die Oxalsäure wird heute international immer mehr angewendet. Das ist ein Stoff, der von Natur aus im Honig ist, in jedem Gemüse, im Apfelsaft ...

Das ist aber nicht Ihre einzige Errungenschaft …
Sie spielen auf die politischen Arbeit der Stiftung an. Wir haben 2003 einen europäischen Einfuhrstopp für Bienen aus den USA erwirkt. Das war mein Einstieg in die politische Arbeit. Seither sind wir bei den Runden Tischen der Landwirtschaftsminister gemeinsam mit den großen konventionellen Deutschen Imkerverbänden dabei. Trotz imkerlich fachlich unterschiedlicher Arbeitsweise ziehen wir bei mancherlei Themen an einem Strick. Auf dieser Grundlage habe ich 2006 das Bündnis zum Schutz der Bienen initiert. Das ist ein Zusammenschluss von 15 Verbänden der Imkerschaft, des Naturschutzes und der Lebensmittelwirtschaft und wird von der Aurelia Stiftung betreut. Auch mit juristischen Mitteln kämpfen wir gegen den Einsatz von Nervengiften, Glyphosat und Gentechnik in der Landwirtschaft. Unser Ziel ist die Veränderung der EU-Agrarpolitik.

Werden die Stressfaktoren für die Bienen, das Bienensterben, politisch überhaupt ernst genommen?
Lobbyvertreter oder auch manche Politiker behaupten, es gibt gar kein Bienensterben. Die Varroa Milbe sei das einzige echte Problem. Das muss man richtig stellen. Die Biene stirbt nicht an den Milben, die stirbt an Virusinfektionen infolge der Milben. Wir müssen darüber reden, was die belastenden Faktoren des Immunsystems sind.

Die Gentechnologie ist in Deutschland noch nicht weit verbreitet. Wie sehen Sie die Auswirkungen auf die Bienen?
Im Grunde ist Europa noch weitgehend frei von Agrogentechnik. Wir müssen damit rechnen, dass in naher Zukunft auch auf deutschen Äckern gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut Werden und dann in unserer Nahrungskette und auch in der Natur eine Rolle spielen werden. Der Einsatz von Glyphosat, der mit den gentechnisch veränderten Pflanzen verbunden ist, der wird drastisch steigen. Wir haben eh alle Glyphosat im Blut und im Urin. Wenn Sie das bei sich untersuchen, finden Sie das auch. Das sind gesundheitsbelastende Faktoren für die Bienen wie für uns.

Biene

Aurelia Stiftung
Bismarckallee 9, 14193 Berlin-Grunewald, Tel. 030 577 00 39 60, www.aurelia-stiftung.de