„Ich glaube nicht an geradlinige Karrierewege“
Zwischen historischem Stadtbad und Ostseevilla, zwischen Campus und Kiez: Verena Jaeschke führt ein Familienunternehmen mit Herz, analytischem Blick und großer Lust auf Menschen. Dieses Kurzinterview erzählt von Umwegen, die Türen öffnen, von Führung, die andere stark macht, und von der Kunst, zwei Hotels und einen Campus zu leiten, ohne den Kern aus den Augen zu verlieren, nämlich echtes Gastgebersein
1. War von Anfang an klar, wohin es mit deinem Berufsleben gehen soll? Welche Ideen gab es noch?
Verena Jaeschke: Ganz klar: Nein. Ich wusste, dass ich gerne mit Menschen arbeite und dass ich Verantwortung übernehmen möchte, aber der Weg in die Hotellerie und in unser Familienunternehmen hat sich eher organisch ergeben. Ich hatte zwischenzeitlich ganz andere Ideen von kulturellen Projekten über Marketing bis hin zu einer Tätigkeit im Ausland. Rückblickend hat mich aber immer das Gleiche begleitet: Menschen zusammenbringen. Das hat mich schließlich zurück zur Hotellerie und zu GLS geführt.
2. War dein Berufsweg geradlinig?
Überhaupt nicht und das ist auch gut so. Ich glaube nicht an geradlinige Karrierewege, sondern an Wege, die durch Erfahrung, Neugier und Mut entstehen. Ich habe Umwege gemacht, Neues ausprobiert und bewusst Stationen gewählt, die mich menschlich und fachlich weitergebracht haben. Dass ich heute die Verantwortung für zwei individuelle Hotels und den GLS Campus trage, ist das Ergebnis vieler Schritte, nicht eines klassischen Plans.
3. Was würdest du aus heutiger Sicht anders machen?
Ich würde früher lernen, dass man nicht alles gleichzeitig leisten muss. Dass Phasen, in denen man sucht oder zweifelt, genauso Teil des Weges sind wie Erfolge. Und vielleicht hätte ich früher damit angefangen, Aufgaben zu delegieren und mir starke Strukturen zu bauen. Heute weiß ich, gute Führung bedeutet nicht, alles selbst zu machen, sondern den Raum zu schaffen, in dem andere stark werden können.
4. Was oder wer hat dich bei deiner beruflichen Karriere am meisten beeindruckt oder inspiriert?
Mich inspirieren Menschen, die mit Haltung führen und die mutig Entscheidungen treffen, auch wenn sie unbequem sind, und dabei transparent und fair bleiben. In der Branche gibt es einige beeindruckende Persönlichkeiten, aber besonders geprägt hat mich ganz klar meine Mutter. Sie hat ihr Unternehmen von der „Ein-Frau-Firma“ mit Typenradschreibmaschine weiterentwickelt zu einer Firma, die seit über 40 Jahren für interkulturellen Austausch und besondere Räume steht, heute mit 170 Mitarbeitenden und 16.000 qm Betriebsgelände mit Sprachschule, Sprachreiseagentur und zwei Hotels.
5. Was muss man wissen, wenn man ein bzw. zwei familiengeführte Hotels leitet?
Man braucht ein tiefes Verständnis für drei Dinge:
1. Gastgebersein: Egal wie groß oder modern ein Haus ist, am Ende geht es darum, Menschen willkommen zu heißen. Diese Haltung muss man vorleben.
2. Unternehmen führen: Hotellerie ist Leidenschaft, aber auch ein komplexes Geschäft. Liquidität, Prozesse, Digitalisierung, Personalführung, Nachhaltigkeit. Man muss das Ganze sehen und gleichzeitig im Detail handlungsfähig bleiben.
3. Familienunternehmen verstehen: Entscheidungen betreffen nicht nur Zahlen, sondern oft auch Generationen. Man trägt Verantwortung für Tradition, für das Team und für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Das bedeutet für mich klar kommunizieren, transparent handeln und Veränderungen mit Fingerspitzengefühl vorantreiben.
Beide Hotels und der GLS Campus leben von Persönlichkeit. Und diese Persönlichkeit entsteht durch Menschen, die sich wirklich mit dem Ort identifizieren. Das zu schützen und weiterzuentwickeln ist die eigentliche Führungsaufgabe.
Hotel Oderberger Oderberger Straße 57, Prenzlauer Berg,
Villa Bleichröder Delbrückstraße 14, 17424 Seebad Heringsdorf,
GLS Campus Berlin Kastanienallee 82, Prenzlauer Berg,