„Wir meinen es ernst, investieren Zeit und Geduld, um Qualität und Vertrauen aufzubauen“
Jochen und Christof Beutgen stehen für eine neue Generation von Unternehmern, die Wirtschaft, Kultur und Gemeinschaft zusammendenken.
Interview: Eva-Maria Hilker
Man begegnet euch immer mal wieder bei Veranstaltungen, bei denen es um die Zukunft von Ernährung geht oder jüngst bei der Eröffnung von „Vom Einfachen das Gute“. Da wurde klar, dass ihr beteiligt seid. Wie kam das zustande?
Jochen: Das kam tatsächlich aus gemeinsamen Gesprächen mit Jörg Reuter im Zusammenhang mit dem
Wer von euch ist nun tatsächlich beteiligt? Wie teilt ihr euch die Aufgaben?
Jochen: Das Unternehmen ist Teil unseres Family Offices, der privaten Vermögensverwaltung mit Schwerpunkt Immobilien, Start-ups und landwirtschaftlicher Entwicklung. Gut Kerkow und „Vom Einfachen das Gute“ gehören beide dazu. Gestartet haben wir unsere Food-Aktivitäten gemeinsam mit Sarah Wiener.
Christof: Mein Fokus liegt vor allem auf Gut Kerkow und seinen Bauprojekten sowie der strategischen Weiterentwicklung. Jörg Reuter ist Geschäftsführer von Gut Kerkow und leitet das Feinkostprojekt. Dann gibt es noch die Bäckerei „Gragger“, die von Marc Ribbeck geführt wird.
„Das entspricht genau unserer gemeinsamen Idee von ehrlicher Landwirtschaft.“
Sarah Wiener hat euch geprägt. Was ist heute ihr Einfluss?
Christof: Sarah war die Energie, die alles in Bewegung gebracht hat. Sie hat Menschen für Qualität, Biolandwirtschaft und neue Perspektiven begeistert. Ihre Klarheit und ihr Mut, anders zu denken, waren immer mitreißend. Wir sind heute noch gut befreundet.
Jochen: Von Sarah habe ich gelernt, dass man große Visionen auch gegen Widerstände durchsetzen muss. Ihr Engagement motiviert mich weiter, neue Impulse für den Hof und unsere Projekte zu suchen. Was sie im Lebensmittelbereich gemacht und angestoßen hat, bleibt unser Maßstab.
Einstieg in die Landwirtschaft – das war mit eine persönliche Wendung. Wie ging es für euch mit Gut Kerkow los?
Jochen: Wir haben Gut Kerkow zum 14. Dezember 2014 übernommen. Der alte Eigentümer, Johannes Niedeggen, war zuvor verunglückt, seine Schwester hat den Betrieb weitergeführt, aber letztlich wurde klar, dass sie das aus der Ferne nicht über Jahre schaffen kann. Es wurde ein Käufer gesucht. Wir waren zu der Zeit eng mit Sarah Wiener verbunden, ihre Vision von nachhaltiger Lebensmittelproduktion hat uns stark beeinflusst. Die Vorstellung, das, was auf dem Acker wächst, selbst zu verarbeiten und direkt zu verkaufen, war stets unser Ziel. Als uns der Hof angeboten wurde und wir das Konzept von Herrn Niedeggen mit seinem Hofladen und der Fleischerei sahen, war uns klar: Wir können das schaffen – das entspricht genau unserer gemeinsamen Idee von ehrlicher Landwirtschaft.
Christof: Ich selbst komme gar nicht aus der Landwirtschaft, sondern war lange im Personalmanagement großer Konzerne. Lebensmittel, Bauernhof – das war für mich Neuland. Mein Interesse wurde erst mit den Projekten auf dem Hof richtig geweckt, und natürlich durch die Kinder. Über die Jahre habe ich wirklich mein Herz an diesen Ort verloren. Es ist spannend, wie Projekte und Familie einen auf neue Wege bringen.
Was waren die größten Herausforderungen nach eurer Übernahme?
Jochen: Die Anfangszeit war wirklich anstrengend und chaotisch. Nach Niedeggens Tod war der Hof weitgehend improvisatorisch geführt worden. Es gab keinen Landwirt mehr, die Felder wurden von Subunternehmern bewirtschaftet. Das Engagement war groß, aber die Seele und ein echter Plan fehlten. Wir haben Jahre gebraucht, um ein gutes Team zu finden und unsere eigenen Ansprüche zu definieren. Wir mussten Komplexität rausnehmen, anfangs hatten wir Ackerbau, Milchvieh und Angus-Rinder zugleich. Letztlich haben wir, auch wegen niedriger Milchpreise, entschieden, uns ganz auf Fleisch, Direktvermarktung und lokale Spezialitäten zu konzentrieren.
Christof: Der Hof war nie ein Bilderbuch-Bauernhof. Wer reinkommt, sieht sofort, dass das Ensemble nicht dekoriert ist, sondern historisch und organisch gewachsen. Manchmal erinnert es an LPG-Zeiten. Uns war wichtig, nicht einfach alles schick zu machen, sondern jedem Gebäude, jedem Projekt Zeit zur Entwicklung zu geben. Wir haben das Gutshaus saniert, Ferienwohnungen entstehen lassen, und jetzt geht es um Aufenthaltsqualität für Familien und Gäste. Der Hof soll zu einem Treffpunkt werden – drinnen und draußen, mit Spielplatz und vielleicht irgendwann wieder mit Gastronomie.
„Unser Ziel ist, dass Familien aus der Stadt hier einen richtig guten Tag haben.“
Wie groß ist euer Team inzwischen?
Christof: In der Landwirtschaft arbeiten rund acht Leute. Mit Fleischerei und Hofladen sind es insgesamt etwa 50 Menschen, manchmal saisonal auch etwas mehr. Der Mix aus Viehhaltung, Getreide, Verarbeitung und Direktvermarktung ist anspruchsvoll – und schafft Arbeitsplätze und einen lebendigen Betrieb.
Jochen: Mit moderner Technik kann man die reine Landwirtschaft mit wenigen Leuten machen, aber Viehhaltung und unsere handwerkliche Verarbeitung erfordern viele Leute, die mit Herz und Engagement dabei sind.
Was bedeutet für euch Aufenthaltsqualität? Was erwartet Besucher*innen wenn sie aus Berlin rauskommen?
Christof: Wir haben das Gutshaus renoviert, bieten jetzt acht einzigartige Ferienwohnungen mit Küche an. Die Leute können sich komplett selbst versorgen – der Biosupermarkt ist direkt am Hof, das schafft eine besondere Unabhängigkeit. Wir wollen die Aufenthaltsqualität mit einem kleinen Café, Spielplatz und Freiflächen weiter verbessern. Langfristig träumen wir davon, zumindest an Wochenenden Gastronomie zu bieten – ein Biergarten, einfache Gerichte, echte Nähe zum Hof. Unser Ziel ist, dass Familien aus der Stadt hier einen richtig guten Tag haben.
Jochen: Die Vision ist, Stadt und Land zu verbinden. Über unsere Feinkostläden und die Metzgereien bringen wir die Produkte direkt nach Berlin. Das Sortiment wird sehr gut angenommen, die Kunden sind vom Konzept und der Qualität begeistert – alte wie junge Generationen. Die direkte Verbindung zwischen Produktion und Konsum macht für uns die Besonderheit aus.
Gibt es Widerstände, sei es lokal, bei den Mitarbeitenden oder beim gesellschaftlichen Klima?
Jochen: Brandenburg ist natürlich auch politisch herausgefordert – die AfD ist ein großes Thema, sie hat über 30 Prozent vor Ort. Ich war politisch engagiert, sogar im Gemeinderat. Im Alltag funktioniert es aber erstaunlich harmonisch, weil wir und unsere wichtigen Mitarbeiter für fortschrittliches Denken stehen. Probleme mit der Einstellung im Team gab es nie, eher Skepsis zu Beginn, ob wir das wirklich ernst meinen. Aber nach Jahren sind unsere Vision und das Engagement für Qualität überall akzeptiert.
Christof: Am Anfang haben die Leute kritisch geschaut, ob wir nur Berliner mit Promiköchin sind. Aber heute, zehn Jahre später, verstehen alle: Wir meinen es ernst, investieren Zeit und Geduld, um Qualität und Vertrauen aufzubauen.
„Es geht um Kulinarik und Angebot, aber auch darum, keinen Zwang auszuüben.“
Ihr investiert auch in Food-Start-ups und neue Technologien. Was reizt euch daran besonders?
Jochen: Spannend finden wir Unternehmen, die nachhaltige Lösungen für Lebensmittel und Ressourcen finden. Beispielsweise Verfahren, um die komplette Nuss samt Schale zu verwerten, wie bei Mandelprodukten. Oder neue Proteinquellen, etwa aus Pilzen. Vielfach sind wir über die Berlin Food Week und andere Ventures früh dabei und fördern das Experimentieren. Die Neugier steht immer im Mittelpunkt – sowohl was möglich ist, als auch was die Zukunft der Ernährung bringt.
Ganz konkret fördert ihr auch Kynda …
Jochen: Wir investieren gezielt in Innovationen im Lebensmittelbereich, deshalb zum Beispiel:
Gerade scheint es so, dass ressourcenschonende Nachhaltigkeit auch in der Gastronomie in den Hintergrund tritt. Wie seht ihr die Trends und die Atmosphäre in der Berliner Gastro-Szene?
Jochen: Manche ändern ihr Konzept radikal – wie das Restaurant Frea, das vom Zero-Waste-Konzept auf Italiener umgestellt hat. Am Ende sind es Atmosphäre und Produkt, die zählen. Ich sehe es kritisch, wenn das Erlebnis wichtiger scheint als die Qualität – aber die Balance ist entscheidend.
Christof: Es geht um Kulinarik und Angebot, aber auch darum, keinen Zwang auszuüben. Wir machen Vorschläge, kein Dogma. Die Gäste kommen wieder, wenn beides stimmt – die Leidenschaft fürs Produkt und die Stimmung drumherum. Unser Ziel ist es, diese Bindung mit dem Hof und den Läden zu schaffen.
Raus in die Uckermark
„Lasst es euch gut gehen!“ Unter diesem Motto lässt sich in der Uckermark gut eine Auszeit genießen. Vom Einzimmer-Appartement bis zur großzügigen Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern und zwei Bädern stehen verschiedene Grundrisse und Größen zur Auswahl. Das mit viel Liebe zum Detail restaurierte Gutshaus verfügt über einen Wellnessbereich mit finnischer Sauna, die auf Wunsch vorgeheizt wird und deren Nutzung für Gäste kostenlos ist. Zudem lädt die Bibliothek mit Kamin zu gemütlichen Lesestunden ein. Und die voll ausgestattete Gutshausküche kann gebucht werden, um in größerer Runde zu kochen und zu genießen, die Zutaten dafür findet man im Hofladen, der täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet ist.
Gut Kerkow
Greiffenberger Straße 8, 16278 Angermünde,
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