„Hier geht es um ein neues, besseres Lebensgefühl“
Genuss und Gesundheit – zurzeit sind das Gewicht, die Selbstoptimierung und die Abnehmspritze immer wieder Themen. Deutschland liegt in Europa auf den Spitzenplätzen, wenn es um das Übergewicht geht, aber weit am Ende, wenn wir die gewichtsreduzierenden Operationen vergleichen. Dr. Anke Rosenthal ist eine Koryphäe in Sachen Ernährungsmedizin und Adipositaschirurgie. Sie hat ein umfassendes, interdisziplinäres Behandlungskonzept entwickelt. Dabei geht sie neue, unkonventionelle Wege. Dr. Anke Rosenthal ist unbestritten eine besondere Frau. Bei unserem Treffen in der Cantina Augusta verblüffte sie mit ihrer äußeren Erscheinung
Interview: Eva-Maria Hilker •
Fangen wir mit dem Genuss an. Ist er Teil der Therapie?
Dr. Anke Rosenthal: Ja, in zweierlei Hinsicht. Erstens: negativen Genuss erkennen – also kurzfristige Befriedigung, die langfristig krank macht. Dazu gehört Fastfood, Zucker und Energy-Drinks. Zweitens: positiven Genuss etablieren – frisch kochen, eine Mahlzeit teilen, Bewegung genießen, Musik hören, sich wieder wohlfühlen im Körper. Viele Patienten wechseln von „Genuss durch Essen“ zu „Genuss durch Leben“. Der Moment, wenn jemand nach Jahren wieder ohne Schmerzen vom Sofa aufsteht, ist für mich der schönste Beweis, dass Genuss auch Heilung sein kann.
Sie sprechen damit den schnellen, kurzfristigen Genuss an, der in einen Teufelskreis führt. Gibt es auch eine gesunde Form des Genießens?
Unbedingt. Und genau das ist mein Ziel: Genuss soll nicht abgeschafft werden, sondern neu interpretiert werden. Wir erleben immer wieder, dass Patienten nach einer Operation auf einmal neue Genussquellen entdecken. Sie verlieren den Appetit auf Süßes und Fettiges, empfinden plötzlich Abscheu gegenüber Gerüchen, die sie früher liebten – beispielsweise auf Weihnachtsmärkten. Stattdessen schmecken Gemüse, Obst – in Maßen –, ein frischer Salat oder das Gefühl, Atem zu haben, plötzlich besser als jede Schokolade.
Sie starteten Ihren Weg in die Adipositaschirurgie zu einer Zeit, als das noch ein exotisches Thema in Deutschland war?
Es begann ganz harmlos, im Rahmen meiner Doktorarbeit um das Jahr 2000 herum. Ich erhielt mehrere Stipendien und konnte in den USA bei Professor Rosenthal in Boston und Florida hospitieren. Dort sah ich zum ersten Mal, wie ganze Abteilungen ausschließlich für adipöse Patienten arbeiteten. In Deutschland war das undenkbar. Viele sagten mir sogar, meine Idee, mich ausgerechnet den Übergewichtigen zu widmen, sei „komisch“. Heute wissen wir, dass der Bedarf riesig ist.
Sie haben die Rolle Ihrer Praxis aber bewusst anders angelegt als klassische Kliniken. Warum?
Während meiner Facharztausbildung habe ich erkannt: In Deutschland gab es fast nur Einzelfallentscheidungen der Kostenträger. Ohne Kostenübernahme keine OP – also auch keine Übung für junge Chirurgen. Ich wollte den Prozess umkehren: Ich baue eine komplette Vorbereitungspraxis auf und liefere den Kliniken optimal vorbereitete Patienten. So entstand meine erste Schwerpunktpraxis, später das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ). Dort erhalten Patienten alles: Ernährungsgruppen, psychologische Betreuung, Magenspiegelungen, EKG, Lungenfunktion, Labor, Aufklärung über die OP und Nachsorge. Sie kommen mit einer kompletten Mappe ins Krankenhaus.
Sie scheinen Genuss bewusst auch in Ihre Praxisphilosophie hineinzuweben.
Das stimmt. Ich wollte kein klassisches, steriles Krankenhaus schaffen, in dem Patienten Angst bekommen. Wir arbeiten mit Farben, mit Musik, ohne weiße Kittel. Alle sollen spüren: Hier geht es um ein neues, besseres Lebensgefühl, nicht nur um Verzicht. Viele erwarten, dass Ärzte mit erhobenem Zeige-finger sagen: „Sie dürfen das nicht, Sie müssen verzichten.“ Aber Essen ist mit Emotionen und mit Lust verbunden – das müssen wir respektieren. Deshalb rede ich mit meinen Patienten bewusst auch über Genusskultur: langsam essen, Teller nicht zu voll, mit anderen sprechen. Genuss ist dann ein bewusstes, gemeinsames Erleben, nicht ein Schaufeln in der Isolation.
„Unser Modell ist einzigartig. Wir haben feste Teams aus Chirurgen, Psychologen, Ernährungsberatern, Gastroenterologen und Verwaltung.“
Wie groß ist Ihre Einrichtung heute?
Wir operieren bis zu 1000 Patienten pro Jahr, in Spitzenzeiten 100 pro Monat. Zum Vergleich: Eine Klinik darf sich schon „Zentrum“ nennen, wenn sie 50 Eingriffe pro Jahr macht. Unser Modell ist einzigartig. Wir haben feste Teams aus Chirurgen, Psychologen, Ernährungsberatern, Gastroenterologen und Verwaltung. Alles ist standardisiert, sogar mit eigener Patienten-App: Dort können Symptome oder Erfolge eingegeben werden. Das erleichtert uns die Organisation enorm.
Gab es auch Gegenwind?
Sehr viel. 2015 durchsuchten 60 LKA-Beamte Praxis, Klinik und meine Wohnung, weil man glaubte, unsere Angaben seien unmöglich. Nach fünf Jahren wurde alles eingestellt, gefunden wurde nichts. Es war reiner Neid – gerade Kollegen konnten nicht verkraften, dass eine Frau in kurzer Zeit so erfolgreich wurde.
Deutschland liegt im internationalen Vergleich weit zurück. Woran liegt das?
Frankreich führt jährlich ca. 80.000 Eingriffe durch, die Niederlande etwa 16.000. Deutschland liegt jetzt wohl etwa bei 14.000. Und das bei Millionen Betroffenen! Hier fehlt es an Politik, Strukturen und an Akzeptanz. Es ist kürzlich ein Disease-Management-Programm (DMP) für Adipositas verabschiedet worden, bleibt abzuwarten, was es wirklich in den nächsten Jahren bringen wird.
Sie sagen, Fettsucht sei die schlimmste Sucht. Wo liegt dabei die Verbindung zum Thema Genuss?
Genuss ist beim Essen nie nur physiologisch. Anders als bei Alkohol oder Nikotin können wir Essen nicht vermeiden – wir müssen uns ihm stellen. Viele meiner Patienten berichten, dass sie beim Essen kurzfristig Glück empfinden. Das ist ein echter Genussmoment: Endorphine werden ausgeschüttet, der Frust schwindet für Sekunden. Das Problem ist: Dieser Genuss kippt sofort, es folgt das schlechte Gewissen. Das macht Essen zur heimtückischsten Sucht von allen. Weil man nicht wie beim Alkohol oder bei Drogen einfach aufhören kann. Unsere Patienten sind den ganzen Tag damit beschäftigt: „Esse ich das jetzt oder nicht?“ Das ist Kopfkino, kein physiologischer Hunger. Viele sind depressiv, meiden den Spiegel, trauen sich nicht mehr raus. In meiner Praxis habe ich gelernt: Fettsucht zerstört Leben genauso wie Alkoholismus – nur viel subtiler.
„Zucker wirkt wie eine Droge – das ist wissenschaftlich belegt. Politisch wagt kaum jemand, sich mit der Lebensmittelindustrie anzulegen.“
Welche Ursachen sehen Sie?
Es ist multifaktoriell: genetische Anlagen wie zu lange Dünndarmstrecken oder erhöhte Ghrelinwerte, veränderte Lebensmittelindustrie mit 40 Prozent mehr Zucker in den letzten zwei Jahrzehnten, Fertigprodukte, versteckter Zucker in Wurst oder Brot, Frust- und Langeweileessen, Bewegungsmangel und schlechte Esskultur. Zucker wirkt wie eine Droge – das ist wissenschaftlich belegt. Politisch wagt kaum jemand, sich mit der Lebensmittelindustrie anzulegen.
Manche werfen den Betroffenen vor, selbst schuld zu sein. Wie reagieren Sie darauf?
Das ist Unsinn. Alkoholiker, Raucher oder Drogenabhängige haben oft mehrfach Chancen auf Therapie oder Ersatztherapien. Bei Adipositas dagegen heißt es schnell: „Essen Sie doch einfach weniger.“ Genau das funktioniert aber nicht. Essen ist lebensnotwendig – die Betroffenen können nicht abstinent leben. Deshalb ist diese Sucht so heimtückisch.
Welche Rolle spielen neue Medikamente wie Ozempic oder Wegovy?
Sie sind ein Fortschritt, aber keine Lösung für alle. Mit den Spritzen verlieren Patienten maximal etwa 15 Prozent des Körpergewichts. Für schwer Adipöse, die 80 Kilo verlieren müssten, reicht das nicht. Aber für Patienten mit leichter Adipositas oder als Ergänzung nach einer OP ist es sinnvoll. Ich möchte einmal deutlich betonen: Unsere Patienten erreichen fast nie Modelsilhouetten. Es geht uns nicht um Modeideale, sondern um Gesundheit. Wer von 160 auf 80 Kilo kommt, hat nicht das Schönheitsideal erreicht, aber er hat seinen Diabetes verloren – und das ist ein Riesenschritt.
Eine Operation ist also notwendig?
Wir schaffen mit der Operation einen Start in ein neues Leben. Hunger und hohe Blutzuckerwerte sind am Tag nach der Operation schon beseitigt, obwohl noch kein Kilogramm Körpergewicht verloren wurde. Viele Menschen beschreiben es so: „Ich wache auf und denke nicht mehr ständig ans Essen.“ Das macht Platz für andere Arten von Genuss. Eine Patientin, die zuvor 160 Kilo wog, sagte nach ihrer Halbierung: „Eigentlich bin ich jetzt ein neuer Mensch. Ich genieße es, morgens ohne Atemnot aufzuwachen, ich genieße meine Arbeit, ich genieße Spaziergänge.“
„Ich habe schon unzählige Fälle gesehen, in denen aus verzweifelten Menschen wieder aktive, lebensfrohe Persönlichkeiten wurden.“
Wie erleben Sie die Veränderungen bei Ihren Patienten?
Für viele ist es eine völlige Lebenswende. Plötzlich kein Diabetes mehr, kein Bluthochdruck, keine Schlafapnoe. Sie können arbeiten, am sozialen Leben teilnehmen. Manche müssen nicht mehr auf künstliche Gelenke warten, weil sie durch Gewichtsverlust keine neuen Hüften oder Knie mehr brauchen. Ich habe schon unzählige Fälle gesehen, in denen aus verzweifelten Menschen wieder aktive, lebensfrohe Persönlichkeiten wurden.
Sie haben Ihre eigene Leidenschaft – Musik – ebenfalls als Genussfaktor ins Leben integriert.
Musik ist meine zweite große Quelle. Ich spiele Klavier seit meiner Kindheit und lege inzwischen auch als DJ auf. Für mich und viele meiner Patienten ist Musik ein regelrechter Befreiungsschlag. Auflegen am Christopher Street Day oder bei „Rave the Planet“ – das ist pure Freude. Für meine Patienten sendet das auch eine Botschaft: Man darf Spaß haben, man darf tanzen, man darf feiern. Genuss ohne Schuldgefühle, ohne Maßlosigkeit. Bewegung wird so zu einer Quelle von Lust, nicht von Zwang.
Sie vermitteln also: Genuss ist kein Widerspruch zur Medizin?
Ganz im Gegenteil. Medizin darf nicht von Askese geprägt sein, sonst verfehlt sie die Menschen. Gesundheit entsteht nicht nur im Verzicht, sondern auch darin, dass man das, was man hat, wieder genießen kann – mit Maß, mit Bewusstsein. Genuss ist das, was aus Patienten wieder Persönlichkeiten macht, die lachen, arbeiten, lieben, feiern. Ich sage immer: Wir nehmen Ihnen nicht das Leben weg. Wir geben Ihnen den gesunden Genuss zurück.
Medizinische Grundlagen
Adipositas ist keine Frage von Aussehen, sondern eine Erkrankung mit handfesten medizinischen Kriterien. Gemessen wird sie am Body-Mass-Index (BMI).
Eine Operation ist indiziert:
– ab BMI 35 mit Begleitkrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Fettleberentzündung,
– oder ab BMI 40 auch ohne Begleiterkrankungen.
Die Operationen werden laparoskopisch – d.h. minimal-invasiv – vorgenommen. In der Hand des routinierten Operateurs dauert es gut eine Stunde, um einen Magenbypass oder einen Schlauchmagen anzulegen. In den letzten Jahrzehnten haben sich diese beiden Verfahren als die wirksamsten Methoden erwiesen.
Dr. med. Anke Rosenthal