Fotos: Selina Schrader Renate Künast Aufmacher
Renate Künast

„Ich überlege mir immer etwas anderes“

Renate Künast ist Grünen-Politikerin durch und durch. Sie ist eine der wenigen Frauen, die das politische Geschehen bewegt und immer kritisch beleuchtet hat. Von 2001 bis 2005 war sie Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Danach war sie bis 2013 Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Seit dem 24. September 2017 ist sie Mitglied des 19. Bundestages. Sie ist zudem bekannt als Kämpferin für die Ernährungswende. Jüngster Beweis ist ihr Reiseführer durch die urbanen Gärten im deutschsprachigen Raum

Interview: Eva-Maria Hilker • Fotos: Selina Schrader

Anlass unseres Treffens ist Ihr Guide „Rein ins Grüne – Raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten“. In den Zeiten des Overtourism, also des Übertourismus, ist das doch eine gute Alternative, oder?
Renate Künast: Natürlich, so ist die Idee auch entstanden, als Handreichung für Leute, die Städtereisen machen und diejenigen sind, die sich für gutes, vielfältiges Essen, Gärten und Gemüseanbau interessieren. Die sich Gedanken über Artenvielfalt und Klima machen und nicht ins nächste Straßencafé an einer Hauptstraße gehen, weil das gerade schick ist.

Urban Gardening ist eine weltweite Bewegung. Damit sind keine neuen Stadtparks wie die High Line in New York gemeint …
Das war eine hochgebaute U-Bahn, die früher zu dem ehemaligen Meatpacking District fuhr, wo das ganze Fleisch angeliefert, verarbeitet und schließlich zu Restaurants oder anderen Läden gebracht wurde. Das District wird jetzt aber nicht mehr so gebraucht und dann hat New York entschieden, dass die darauf einen Stadtpark machen. Das ist eine Veränderung, die von oben nach unten kam.
In diesem Buch geht es aber um urbane Gärten, ausgehend von der Community-Garden-Bewegung. In den USA fing es damit an, dass freie Grundstücke von der ärmeren Bevölkerungsschicht genutzt wurden, um etwas Gemüse anzubauen und sich zu treffen. Diese Gärten wurden soziale und kommunikative Orte. So ist das Urban Gardening und am Ende sogar die Urban Agriculture entstanden. Mit dem Buch möchte ich einfach antippen, was eigentlich in den Städten passiert. Solche Gartenprojekte gibt es in Berlin auch, wie zum Beispiel die Prinzessinengärten oder das Himmelbeet.

Es gibt eine Bewegung von unten nach oben, aber ebenso anders herum?
In dem Buch beschreibe ich auch exemplarisch die Gemüsewerft in Bremen und die Essbare Stadt in Andernach. Hier haben die Städte entschieden, Grünflächen anders zu nutzen. Dahinter stehen oftmals gemeinnützige Vereine. In Bremen arbeiten Menschen mit Behinderung mit und sind auch bei den verschiedensten kulturellen Events aktiv. Das ist eine ideelle Verbindung, die bis dahin geht, dass mitten in der Stadt Hochbeete mit Gemüse und Kräutern stehen. Ich wollte die Vielfalt darstellen.

Renate Künast und Eva-Maria Hilker blättern im Buch Künast und Hilker

Es ist mittlerweile offenkundig, dass die Menschen, die Konsumenten, sich mehr und mehr für ihr Essen interessieren.
Sie wollen die Lebensmittelentfremdung beenden. Bis hin dazu, dass sie selber anbauen wollen. Darüber steht das Klimaabkommen und dass wir uns aufgrund massiver Verluste dazu verpflichtet haben, die Artenvielfalt zu erhalten. Die Städte leisten ihren Beitrag und das ist mit diesen Gärten verbunden.

Mit der Unterstützung der Urbanen Gärten sieht es ja nicht schlecht aus?
Beide Formen werden am Ende unterstützt. Die, die sozusagen als Gemeinschaftsprojekt von unten entstanden sind, brauchen städtische Unterstützung, weil sie die Flächen rechtlich sichern müssen. Die Frage ist dann, wie viel Stadtpark und freie Flächen können dafür genutzt und nicht bebaut werden. Das ist ein Betrag zum Stadtklima und der Artenvielfalt insgesamt. Bei den anderen steigt die Stadtverwaltung von Anfang an ein. Für alle Beteiligten kann das Wort Stadtwirt verwendet werden. Es gibt nicht mehr nur Landwirte, es gibt jetzt auch Stadtwirte.

Wer genug Energie hätte, könnte beispielsweise am Potsdamer Platz in einem der Höfe Ackerbau und Gartenbau betreiben. Wo käme die Unterstützung her?
Gute Frage, als Erstes würde ich mit dem Eigentümer des Gebäudes reden. Solche Beispiele gibt es schon. Ich war letzten Sommer in der Bundesdruckerei und da liefen wir über einen asphaltieren Parkplatz, in einem Innenhof zwischen hohen Gebäuden, und auf der Seite standen zehn bis zwanzig Hochbeete. Ich fragte nach, was das denn sei. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollten diese Beete, um sich Mittags in der Pause dort hinsetzen zu können, so die Antwort. Und nun stehen da Hochbeete, die von den Mitarbeiter gepflegt werden. Das Ganze ist noch nicht ganz ausgereift, doch es ist immerhin ein Anfang. Wie Löwenzahn, der sozusagen durch den Asphalt bricht. Das zeigt, wie viele Leute das Bedürfnis haben, so etwas zu machen und auch Spaß daran haben.

Stichwort Lebensmittelentfremdung – das Bewusstwerden von der Herstellung von Lebensmitteln geht auch in eine politische Richtung.
Vor Jahren habe ich als Ministerin das Wort Agrarwende geprägt und heute reden wir von der Ernährungswende. Die beiden gehören zusammen. Wir bestimmen in den Städten, was auf dem Land angebaut wird und das ist ein zentraler Punkt. Jetzt ist es ja sogar so, dass diese Bewegung nicht aus diesen Aktiven besteht, sondern selbst die Diabetesgesellschaft und Kinderärzte sagen, wir müssen uns anders ernähren. Uns als Städtern wirft man oft vor, dass wir romantische Vorstellungen über Landwirtschaft haben. Wir wollen aber mehr über unser Essen wissen und all diese Gärten sind der Hinweis, dass es anders werden muss.

Die Artenvielfalt in den Städten ist weitaus größer als auf dem Land. Muss die Agrarindustrie das nicht langsam zum Anlass nehmen, auch über ihre Perspektiven nachzudenken?
Es wird zu viel Chemie eingesetzt und Monokultur betrieben, dass die Humusschicht zerstört ist. Die Böden leben nur noch von chemischem, synthetischem Dünger. Der Boden selber lebt kaum noch und das heißt auch, dass weniger Insekten und Vögel da sind. Während man auf dem Land bemerkt, dass die Feldlerche weg ist, macht die NABU (Naturschutzbund Deutschland) Vogelzähltage in der Stadt und stellt fest, dass der Specht mittlerweile innerstädtisch gehört wird. Glücklicherweise wird auch in den Stadtparks keine Chemie mehr eingesetzt und vor wenigen Jahren hat auch die BSR entschieden aus Glyphosat auszusteigen. Das hatte mehrere Gründe, auch die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Leute wollten es anders haben. Wir bestimmen jetzt mit unserem Einkaufskorb, wie die Welt gestaltet wird. Das sind die Botschaften, die auch im Buch zu finden sind.

Mich hat beeindruckt, dass es auch in dem Buch so viele Tipps für jemanden gibt, der ganz unbedarft an die Sache ran geht, also kein großer Gartenexperte ist.
Ja, es war auch ein das Ziel, dass der Leser selbst etwas machen kann. Freunde von mir sagen, wir müssen jetzt wieder so viele Balkonpflanzen neu kaufen. Dabei kann man doch Gartenpflanzen in den Balkonkasten setzen. Das sieht zwar nicht so stylish aus, doch man hat Kräuter, Bohnen, Tomaten. Ein gekaufter Topf Schnittlauch kann so einfach in den Balkonkasten gepflanzt werden, wo er dann nachwächst und das nach jedem Winter wieder.

Im Vorwort schreiben Sie über Ihre Kindheit und über die Gärten der Großeltern sowie Eltern, über frische, saisonale Gartenfrüchte. Hat das bis heute Auswirkungen?
Mein Vater kam vom Bauernhof in Thüringen, die Großeltern meiner Mutter kamen aus der Kaschubei und Masuren. Sie hatten ein Häuschen mit Garten drumherum und auch wir hatten einen Garten. Alle waren noch darin geübt – von ihrer eigenen Geschichte her – selbst anzubauen. Wir mussten helfen und spätestens beim Schwarze Johannisbeeren ernten war dann die Freude komplett vorbei. Die aß man nicht und alle mussten einzeln gepflückt werden, was eine blöde Beschäftigung war. Wir haben uns auch über meinen Vater lustig gemacht, der immer gesagt hat „ach wie schön und riech mal wie toll die ist“. Ich habe immer gesagt, der guckt den Rosen beim Verduften zu, jetzt mach ich es selber. Wenn ich mich erinnere, wie wir immer frischen Kohlrabi gegessen haben, der so ein wunderbares Aroma hat ...
Ist es nicht kurios: In den 60er, 70er Jahren waren wir so begeistert von den Produkten aus aller Welt. Bis man darauf zurückkam, dass Erdbeeren nur dann schmecken, wenn sie gereift sind. Es schmeckt eben nicht, wenn etwas im vorreifen Zustand geerntet und um den Reifeprozess zu stoppen, mit Stickstoff behandelt wurde und um die halbe Welt reist. Es schmeckt dann gut, wenn es hier fast direkt aus der Sonne auf deinen Teller kommt.

Sie sind als Fan von Picknick und englischer Gartenkultur bekannt.
Ja, ich war auch in Highgrove bei Prince Charles zum Tee und bin durch dessen Gärten gewandert. Er hat besondere Gärten, wo er unter anderem alte Pflanzen pflegt.

Die aktuelle Politik scheint das aber kaum zu registrieren, was da im Augenblick an neuem Bewusstsein entsteht und in die Praxis umgesetzt wird. Bei Ihrer Rede im Januar zur Ernährungswende haben CDU und FDP ziemlich ignorant reagiert.
Die CDU ist das Sprachrohr von agrarindustriellen Strukturen, die es in Deutschland und vielen anderen Ländern noch gibt. Es sind die Verbindungen von Bauernverband, Raiffeisen, Agrarchemieindustrie, Bayer und und und. War man einmal in diesem Netz unterwegs, merkt man, dass hier immer wieder die gleichen Männer aufeinandertreffen. Alle haben sich irgendwelche Funktionen zugeschoben. Entsprechend wird Chemie eingesetzt und angeblich sind wir die, die romantisch sind, weil wir uns das anders vorstellen. Man muss sich nur mal eine Fachzeitschrift über Gemüse- oder Getreideanbau anschauen. Da ist seitenweise Werbung für Chemie und für große Maschinen drin.

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Kritik kommt auch von der EU-Kommission. Sie meint, dass die deutsche Düngeverordnung schlecht umgesetzt ist, weil immer noch zu viel Gülle und damit Nitrat im Trinkwasser ist.
Da muss ganz scharf nachgebessert werden. Die CDU spricht dann immer über die Bauern, aber keiner spricht über die Gesundheit, insbesondere bei Kleinkindern und Säuglingen. Für die ist ein hoher Nitratgehalt im Wasser ein großes Gesundheitsproblem, was zu körperliches Entwicklungsproblemen führen kann.

Es prallen also zwei Welten aufeinander?
In den Städten gibt es jetzt eine Bewegung, die eine Ernährungswende fordert. So baut Berlin bald wie in Kopenhagen und manch anderen Städten eine Ernährungsstrategie auf. Alleine schon das Umstellen, also jedes Prozent mehr Bioware in den Städten und deren Gemeinschaftsverpflegungen, ist ein Hinweis für das Land, dass wir Essen ohne Chemie wollen. Das sind Botschaften, bei denen ich hoffe, dass die Bauern dann auch in ihren Landesministerien sagen, so jetzt gebt uns mehr Umstellungshilfe auf Bio, damit wir das umsetzen können.

Niemand ist vor diesen Giften und vor Chemie sicher. Auch wenn Biobauern alles ordentlich machen, müssen sie sich dennoch mit den konventionellen Methoden ihrer Nachbarn auseinandersetzen. Untersuchungen haben nachgewiesen, dass Ackergifte, also Herbizide durch die Luft weit verbreitet werden. Kommt da nicht auch ein Stück weit Resignation auf?
Ich weiß gar nicht, wie mir das Glück spielt, dass ich da nicht zur Resignation, sondern zu Schlitzohrigkeit neige. Ich überlege mir immer etwas anderes. Wie eben die Gemeinschaftsverpflegung in den Städten umzustellen. Es gibt deutschlandweit zehn Biostädte wie Bremen, Nürnberg und noch andere, die Bio in ihrer Stadtverpflegung erhöhen. Nürnberg hat vor vielen Jahren auf dem Christkindlesmarkt schon damit angefangen, indem mindestens zehn Prozent aller Produkte Bio sein müssen. Jetzt sind sie schon bei 20 bis 30 Prozent. Das ist der Beitrag zur Reduzierung von Pestiziden und zur Erhaltung der Artenvielfalt. Wir waren übrigens noch nie so stark wie heute, wo Eltern sagen, wir wollen mehr Bioanteil für das Essen unserer Kinder in der Schule. Beim Catering für die Schulen in Berlin sind es über 40 Prozent. Auch Kantinen bei großen Unternehmen wissen, sie müssen andere, regionale Produkte und Biolebensmittel verwenden.

Das klingt alles immer so schön. Doch die Erzieherinnen und Erzieher klagen, dass die Eltern sparen wollen. Die haben alle einen hohen Anspruch, doch wenn sie die Preise sehen, zucken sie jedes Mal zusammen.
Leben mit Kind ist teuer. Berlin wird jetzt die Verpflegung bis zum sechsten Schuljahr kostenlos machen und ich finde, das gehört zur Bildung dazu. Wenn ich mir ansehe, wofür wir überall Geld ausgeben, monatlich 30 Millionen Euro für den BER von dem kein Flugzeug fliegt. Was wir für Subventionen für Kohlekraftwerke und anderes ausgeben werden.

Sie wollen die Steuergelder anders verteilen?
Unser Pfund ist Bildung. Und zwar in jeder Hinsicht. Wir brauchen Leute, die ihre Potenziale entwickeln, um dann bestimmte Berufe ergreifen zu können. Wer sonst soll diese ganzen Ökodesignberufe ausüben? Wer soll die neue Technologie im Netz entwickeln, mit der man mit Energie klüger umgeht? Dazu braucht jemand eine gute Bildung und die müssen wir bezahlen. Ich finde es gehört dazu, dass wir alle miteinander mit unseren Steuergeldern die Bildungseinrichtungen, einschließlich Mittagessen, bezahlen. Das muss natürlich eine Qualität haben. Nicht irgendetwas, sondern es muss ausgewogene Ernährung, Bio und Nachhaltigkeit geben. Als Bundestagsabgeordnete hat man eine Ahnung davon, für wie viel Schrott Geld ausgegeben wird. Denken wir nur an Verteidigung, die immer teurer wird, ohne dass fahrbares Gerät dabei rauskommt.

Zurück zum Urban Gardening. Entsprechend der Sterbe- und Begräbniskultur hat sich viel verändert. Friedhöfe haben ungenutzte Flächen und gerade hat der Prinzessinnengarten jetzt in Neukölln einen Teil des alten St.-Jakobi-Friedhofs erobert. Ist das auch eine realistische Zukunftsvision?
Ich glaube schon. Garten und Friedhof sind beides friedliche Orte, darum passt es nebeneinander. Es sind Ruheorte. Ich habe einmal ein Buch in den Händen gehalten, in dem Friedhöfe in den Städten beleuchtet wurden. Wien zum Beispiel. Im Buch wurde nachgewiesen, dass auf dem Zentralfriedhof in Wien die Gebüsche für Bodenbrüter wie Nachtigallen ein guter Ort sind. Mein Mann hat mir mal erzählt, dass er mit dem Patenkind über einen Friedhof in Kreuzberg an der Bergmannstraße gelaufen ist und beobachtet hat, wie ein Mann am Wegesrand irgendetwas pflückte. Er sammelte wilde Kräuter für den Salat oder für einen Smoothie. Alles ist möglich, genauso wie man Häuser und Dächer in Zukunft anders denken muss.


Eine Reise durch urbane Gärten:
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Denkt die Stadt eher in die Zukunft als die Agrarindustrie im Umland?
Es findet die Abkehr von einer anonymen Lebensmittelproduktion statt. Ein Teil der Leute versteht, dass Ernährung etwas mit ihrem Körper macht. Mittlerweile realisieren die Menschen, dass das was sie essen im Körper wirkt, dass er sich daraus Nährstoffe holt oder auch nicht. Sie verändern sich und es ist wie so eine Verweigerungshaltung. Plötzlich heißt es, „Diese Suppe esse ich nicht!“ Ich glaube, dass dahinter eine Bewegung liegt. Wir diskutieren ja jetzt schon, was die Energiewende betrifft, ob wir 2038 oder 2030 aus der Kohle aussteigen. Wenn mir in meiner Jugend im Ruhrgebiet jemand erzählt hätte, dass ich und die Grünen 2019 im Bundestag erzwingen würden, dass es eine Kohlekommission geben muss, hätte ich mir gedacht, das ist eine Vorlage für Science Fiction. Aber es hat geklappt. So bin ich der festen Überzeugung, dass all die Energie, die Struktur und Kampagnenfähigkeit, die wir haben, auch diese Ernährungswende erzwingen wird. Wenn eine Stadt wie Berlin voran geht und vom Kindergarten bis über Schulen, Studentenwerken, Altersheimen und Krankenhäusern die Ernährung umstellt und immer Bio nachfragt, dann gehen die Leute zum Großhandel und letztendlich zum Bauern und bitten um Bio und diese stellen konsequenterweise um. Das wird im Laufe der nächsten zehn Jahre eine große Veränderung bringen.

Stadtwirte können niemals die Landwirte ersetzen. Das wird es perspektivisch gar nicht geben?
Es ist schon sehr weit gedacht, dass wir so viel Kreativität und Anbaufläche in der Stadt haben, um uns selbst zu ernähren. Aber du kannst noch so viele Dach- und vertikale Gärten machen, es wird nicht funktionieren. Aber die Konsumenten und die Stadtwirte werden die Wende im Agrarbereich erzwingen. Uns treibt auch das Klimaabkommen und das Biodiversitätsabkommen.

Was ist mit den Ländern, die uns mit massenweise Tierfutter beliefern?
Ich bin der festen Überzeugung, dass es immer mehr Staaten auf der Welt geben wird, die sich nicht mehr von uns zwingen lassen, unsere Anbauflächen für Tierfutter zu sein. Wenn ich mal einen Vergleich stellen darf mit dem Thema Palmöl. Europa und auch die Kommission sagen jetzt auf viel Druck hin, dass sie die Beimischung von Palmöl zu Benzin massiv reduzieren wollen. Damit soll der Abbau von Regenwäldern und Urwäldern verhindert werden. Der Import wird nur noch von ganz kleinen bäuerlichen Anlagen und Familien, die es schon sehr lange gibt und die nicht in den letzten zehn Jahren Urwald für ihre Fläche gerodet haben, akzeptiert. Urwälder als Lebensraum sollen erhalten bleiben und Lebensmittel wie Palmöl gehören nicht in einen Tank.

Auch die Relation Soja und Rindfleisch steht in einem waghalsigen Verhältnis.
Aus acht Kilogramm Soja-Eiweiß, das übrigens auch ein Lebensmittel ist, machen wir durch Verfütterung an die Kuh ein Kilogramm tierisches Eiweiß. Das ist am Ende unökologisch und unethisch. Es kann nicht sein, dass wir den Rest der Welt zwingen ökologischer zu sein, während wir unsere Agrarindustrie und Raubbaustruktur erhalten. Das funktioniert nicht mehr. Diese Debatte muss immer schärfer werden. Zu Recht.

Und dafür braucht man die Städter und ihre Stadtwirte?
Wenn der konventionelle Bauer sieht, dass sein Nachbar, der Bio-Bauer, seine Bio-Ware verkauft und sich auf lange Verträge verlassen kann, weil vielleicht eine Uni-Mensa beschließt, dass sie ihm die gesamte Kartoffelernte abkauft – dann kommt er doch auch ins Grübeln.

Rein ins Grüne Cover


Rein ins Grüne – Raus in die Stadt
Eine Reise durch urbane Gärten
von Renate Künast mit Victoria Wegner,
Callwey Verlag,
www.callwey.de,
176 Seiten, 29,95 €