Foto: Selina Schrader Aufmacher Wiedemann
Wegbereiter

„Wenn ich was kann, dann Cocktails“

Bartender David Wiedemann

Als Tresenkoryphäe und als Promi-Mixologe wird er bezeichnet. David Wiedemann hat die erste Barschule im Sage Club gegründet, konnte die Spirituosenflaschen werfen wie Tom Cruise in Cocktail und war von Anfang an ein Vertreter der neuen Bartender-Generation, die auf Sensorik, Aromenfindung, auf hausgemachte Säfte, Sirupe, Liköre oder Bitter setzt.

Er ist Betreiber der Reingold Bar, Bar-Consultant und Caterer, hat zu Tim Raues Gerichten in der Hertha-BSC-Vip-Lounge die Drinks kreiert, managte temporär eine Speakeasy-Bar, dann eine Open-Air-Bar, die nur bei Sonnenschein öffnete. Manche erinnern sich noch an die Schnitzelei in der Oranienburger Straße. Ganz trocken gesagt, ist er IHK-geprüfter Barmeister und ein Mann der Tat.

Diesen Sommer hat er eine Art Sommercamp im Zollpackhof bezogen. In der hintersten Ecke des Biergartens, wo sich die Gäste verirren, die vorne keinen Platz mehr finden oder irgendwie mitbekommen haben, dass es hier beste Cocktails gibt. Denn wie bereits beschrieben, wenn David Wiedemann hinterm Tresen steht, gehen nur gute Drinks übern Tresen. Noch hat es kaum jemand richtig mitbekommen und so sitzt man auf einem der wenigen Hocker vor der Bar und genießt ab 18 Uhr wie die Sommertage etwas kühler werden. Bei einem Kentucky Mint Punsch zum Beispiel, einer Mixtur aus Bourbon, Mandel, Vanille, Limette und Sodawasser.

Wenn es Wiedemanns Zeit zulässt, dann beweist er zudem Gastgeberqualitäten. Die scheint angeboren zu sein, denn Wiedemann kommt aus einer erfolgreichen Gastronomen-Familie. Er erzählt von seinen Eindrücken seiner letzten Geschäftsreise nach Mykonos zu Scorpios, von seinen neuen Projekten für Thomas Cook. Denn mittlerweile genießt Wiedemann internationales Ansehen, was Barkultur und erfolgreiche Geschäftsmodelle verspricht.

Zwischendurch kommen ein paar Gäste vorbei und holen sich einen Aperol Spritz. Das kann man zum Anlass nehmen mit dem Experten über Berlins Barkultur und deren Entwicklung in den letzten Jahren zu plaudern oder generell über die Veränderungen der Hauptstadt. Der Mann kann übrigens auch Witze erzählen. Und dann ist es plötzlich Nacht – und mit leichtem Fuß geht es nach Hause, nach einem angenehm sorgenfreien Abend. (emh)

Reingold Sommercamp
im Zollpackhof, Elisabeth-Abegg-Straße 1, Moabit, Tel. 030 330 99 720, www.zollpackhof.de, Do, Fr+Sa noch bis Ende September 2018

Reingold
Novalisstraße 11, Mitte, Tel. 030 28 38 76 76, cms.reingold.de


Foto: Nils Hasenau,
Dia, Andreas, Oda Bashi, Maria, Haijla, Yazan, Jawed, Mohammed, Bakri, Jamshid
Kreuzberger Himmel

„Integration funktioniert nur mit Deutschkenntnissen“

Andreas Tölke, Vorstand von „Be an Angel e.V.“, betreibt den Kreuzberger Himmel

Vielleicht fällt es beim ersten Besuch auf. Die etwas holprige Kommunikation. Doch das ist bald erledigt, sobald Gast und Service gegenseitige Verständnis spüren und wenn es um die Bestellung des Essens und Trinkens geht. Willkommenskultur auf beiden Seiten sozusagen und im Kreuzberger Himmel gehört Integration zum Alltag, also Deutschkurse und Aus- sowie Weiterbildung. „Muslime, Christen, Hindus und Juden arbeiten gemeinsam und bieten feinste syrische Küche an.“ Der Verein „Be an Angel e.V.“ setzt sich seit 2015 für die Integration von Flüchtlingen ein. Der ehemalige Journalist Andreas Tölke ist Vorstand und Sprachrohr des Restaurant-Teams. Selbstverständlich kann jede und jeder von sich selbst erzählen, dass die Ehefrau und die Kinder noch in der Türkei festsitzen, dass man nicht sicher weiß wie es weiter gehen soll.

Tölke weiß über die Hintergründe jedes Einzelschicksals, über die Tragödien, die Traumata, was hinter einer Flucht steht – und er kann das sehr gut nach außen vermitteln. Aber auch wann Grenzen erreicht sind, wann der Verein nicht mehr weiter helfen kann. Deutschkenntnisse und aktives Mitwirken sind Grundvoraussetzungen. Wer diese Startrampe in Berlin nutzen will, hat sich entsprechend einzubringen. Wie z.B. Bakri. Er war in seiner Heimat Koch und übt diesen Beruf wieder im Kreuzberger Himmel aus. Was die anderen Teammitglieder mal werden oder arbeiten wollen? Das stellt sich im Laufe der Zeit heraus. Deshalb kann der Kreuzberger Himmel nur Durchlaufstation sein. Hier werden die Geflüchteten geschult, von Restaurantleiterin Maria Bauer professionell ausgebildet und später an Hotels und Restaurants weitervermittelt. Zurzeit arbeiten Menschen aus vier Nationen im 60-Plätze-Restaurant.

Dass Essen verbindet, ist eine uralte Weisheit, dass syrisches Essen schmeckt, das ist im Kreuzberger Himmel zu entdecken. Hummus, Baba Ghanoush und Fatoush kennt fast jeder und von Frikeh, vom unreif geernteten Weizen, davon hat man auch schon mal gehört. Mnasale, Sabaneh oder Kibbeh? Jedenfalls schmecken alle drei Gerichte. Mehr wird dann vor Ort erklärt, von Dia oder von Jawed, wenn sie gerade Dienst haben. (emh)

Kreuzberger Himmel
Yorckstraße 89, Kreuzberg, Tel. 0171 785 89 39, www.kreuzberger-himmel.de, Di-Fr 17-24 Uhr, Sa+So ab 10 Uhr Frühstück


Foto: Markthalle Neun Frank Buthmann

„Es wird keiner merken, im Weltrestaurant bleibt erst mal alles beim Alten“

Chefkoch Frank Buthmann vom Weltrestaurant Markthalle

Es hat nun endlich ein Ende. Ein gutes für die 14 Mitarbeiter vom Restaurant Markthalle. Die werden von den drei Betreibern der Markthalle Neun übernommen. Für Wirt Rainer Mennig ist nach längerer Auseinandersetzung klar, dass er nicht mehr das Weltrestaurant leitet. Bernd Maier, Nikolaus Driessen und Florian Niedermeier haben ab August das Weltrestaurant übernommen. Es wird für kaum jemanden der Stamm- und auch der anderen Gäste spürbar sein, dass in der Küche nun Frank Buthmann steht. Da ist sich Florian Niedermeier sicher. Den Schweinsbraten wird es weiterhin geben, die Kässpätzle und das Preisspektrum ebenso.

Fortschreitende Gentrifizierung war in der Presse zu lesen, vom Ende eines Mythos, wegen der Verfilmung des Romans Herr Lehmann von Sven Regener und vom Streit um das Erbe einer Institution. Anlass der langwierigen Auseinandersetzung war der am 31. Juli zu Ende gehende Mietvertrag. Der bisherige Wirt Rainer Mennig hätte gerne weitergemacht, aber nicht zu der einen Bedingung, nämlich der Mieterhöhung. Die drei von der Markthalle wollten wiederum nicht, dass Mennig das Restaurant weiterverkaufen bzw. -vermieten kann. Und da kommt der ein wenig in Vergessenheit geratene Dimitri Hegemann ins Spiel. Denn eigentlich gehört ihm die Inneneinrichtung sowie das restliche Inventar. Die ehemalige Clubgröße und Tresorgründer hat das Weltrestaurant nämlich mal eröffnet und Anspruch auf das Inventar. Alles ein wenig verworren. Wahrscheinlich wollte Rainer Mennig noch ein wenig Geld aus dem Restaurant beziehen, juristisch hat er darauf kein Anrecht. Es war sehr schnell klar, dass in dieser Richtung kein Weiterkommen ist. Auch bei der Umsetzung der Philosophie der Markthalle Neun, nämlich mit den Ansprüchen an Lebensmittel, gab es keinen Fortschritt. Nun also geht es weiter unter dem selben Namen, mit dem selben Personal, nur mit neuem Küchenchef Frank Buthmann. Der verspricht auf längere Sicht zeitgemäße Küche. Der Mann hat im Kleinen Haus in Linum gearbeitet und gehört zu den Green Chefs, die sich für Fairness und Verantwortung in der Gastronomie engagieren. Aber wie gesagt: Erst mal bleibt alles beim Alten. (emh)

Weltrestaurant Markthalle
Pücklerstraße 34, Kreuzberg, Tel. 030 617 55 02, www.weltrestaurant-markthalle.de


Foto: Selina Schrader Waschküche

„Auch Samstag und Sonntag ist Waschtag“

Silke Gehrke, Chefin der Waschküche

Es kann Spaß machen. Nicht nur, dass die Waschmaschinen auf dem neuesten Stand sind und jeder, der seine Wäsche wieder sauber haben will, von netten Menschen alles erklärt bekommt. Wie die Haushaltsmaschinen von Bosch funktionieren und welche Waschmittel für welche Textilien geeignet sind, das ist übrigens im Preis inbegriffen sowie Weichspüler und wie die App funktioniert, um eine Maschine zu reservieren.

Zusätzlich lässt sich im zugehörigen Bistro die Zeit angenehm vertreiben. Auch ohne Waschgang. „Alles ist hausgemacht“, erklärt Silke Gehrke, die in ihrem früheren Leben Unternehmensberaterin war. Seit Mai bringt sie zusammen mit Jens Rüsenberg das die Waschküche zum Laufen. Dass diese Einrichtung mit dem herkömmlichen Waschsalon nicht viel zu tun hat, ist schon beim ersten Blick offensichtlich. Zeitgemäßer Industrieschick, in einer Ecke ist ein Loungebereich, Tische und Stühle im dänischen Design, Glaswände trennen die einzelnen Bereiche – und so sind auch die Workshop-Räume erkennbar. Die kann jeder mieten.

Im Haus existiert Staytoo, ein Studentenwohnheim, die Lernbegierigen können zu Sonderkonditionen waschen. Für beide Seiten ist das eine Win-Win-Situation. Denn mit der Nutzung der Maschinen verspricht sich Bosch weitere Erkenntnisse über die Erweiterung der Nutzerfreundlichkeit. Und die scheint fast unermesslich. Wenn Gehrke zum Beispiel erzählt, dass da auch schon mal ein Sechs-Mann-Zelt gereinigt wurde. „Mit einiger Mühe beim Einfüllen und wieder Rausholen“, lacht sie.

Bisher gehören zum Kundenkreis Studenten, Laufkundschaft, Laubenpieper und einige Rentner aus der Nachbarschaft, die die zeitgemäße Wascheinrichtung mit Kaffee und Kuchen verbinden, Netz und Netzwerken ist für alle inklusive. Doch neben sauberer Wäsche liegt das Augenmerk auf gutem Essen und Trinken. Zum Lunch sind es mal Maultaschen die serviert werden oder Quiches mit Salat. Es finden regelmäßige Dinner unter dem Motto „Blanchisserie et Diner“ immer am ersten Freitag im Monat statt. Den Anfang macht der Koch Patrick Porstein, früher im Pantry, im September mit einem Vier-Gänge-Menü. „Es wird mehr Events geben wie zum Beispiel Filmabende.“ Und dass da noch mehr passiert, daran hat kaum jemand Zweifel, der Silke Gehrke und Team kennengelernt hat. Und wenn endlich die Bauarbeiten beim Zugang zum Gleispark fertig sind, dann ist die Waschküche ganz einfach mit dem Fahrrad erreichbar. (emh)

Waschküche
Dudenstraße 80, Schöneberg, Tel. 030 54 90 82 26, www.waschkueche.berlin, Mo-Fr 7-21 Uhr, Sa 9-20 Uhr, So 10-19 Uhr, 1 Waschfüllung 4,30 €, kleine Speisen ab 3,50 €