Fotos: Selina Schrader Thomas Struck
Berlinale

„Die Küche ist immer ein heikler Punkt“

Das Kulinarische Kino der Berlinale findet dieses Jahr zum 12. Mal statt. Bei einem Treffen gibt Kurator Thomas Struck im Vorfeld einen begeisternden Überblick

Interview: Eva-Maria Hilker • Fotos: Selina Schrader

Berlinale 2018 und das Kulinarische Kino. Was hat sich in den Jahren verändert?
Thomas Struck: Es hat sich in der gastronomischen Welt generell sehr viel getan. Wenn man das vom Film aus betrachtet, gab es in den letzten zehn Jahren eine große Welle an tollen Spielfilmen, wie z.B. Ratatouille. Aber interessant ist, dass das Genre Fiction so gut wie ausgestorben ist. Dafür ist der Dokumentarfilm wesentlich stärker geworden. Dem Publikum ist es egal, ob es Fiction oder Non-Fiction ist. Wenn der Film sie packt, packt er sie. Wenn die Geschichten stilsicher oder frech erzählt werden, funktioniert das auch.

Die Themen haben sich sehr verändert. Ich erinnere mich noch an diesen einen Film über Massentierhaltung, der weltweit für Aufregung sorgte.
Ich glaube, du spielst auf den Film „Food, Inc.“ von 2008 an. Der ist bis heute noch paradigmatisch und hat allgemein den Ton gesetzt. Das war ein bahnbrechender Film. Es war nicht nur ein Dokumentarfilm, es wurde auch eine Geschichte erzählt. Aber man muss dazu sagen, dass dieser Film eine große Kraft daraus bezieht, dass er keinen apokalyptischen Ton anschlägt, den sehr viele andere Filme haben. Das Problem der Massentierhaltung ist bekannt und ist nicht besser geworden.

Ich hatte die Hoffnung, dass du mir sagst, dass durch das Kulinarische Kino und die Filmauswahl die Situation auf der Welt sehr viel besser geworden ist.
Natürlich. Im Bereich des Kulinarischen Kinos und der Berlinale ist die Welt gerettet. Wir befinden uns auf einer Insel, hier ist die Welt vollkommen in Ordnung. (lacht)
Spaß beiseite: Die Situation ist katastrophaler geworden. Und es gibt diverse Filme, die diese Situation immer wieder neu beleuchten, in dem sie gewisse Ecken davon finden. Und einer davon ist „The Green Lie“ von Werner Boote. Der Film beschäftigt sich mit dem sogenannten Greenwashing, also Unternehmen, die Nachhaltigkeit vortäuschen. Beispiel Elektroauto, das angeblich umweltschonend ist, aber keiner weiß, woher die Elektrizität für die Batterien kommt, wer tatsächlich nach seltenen Erden gräbt. Und in dem Sinne gibt es das gute Auto nicht, aber es wird als solches verkauft.

Wer und welcher Film eröffnet das diesjährige Kulinarische Kino?
Am 18. Februar um 19.30 Uhr geht es mit dem Film über Flynn McGarry los. Flynn macht gerade ein Restaurant in New York auf. Das ist erst mal nichts Besonderes, aber Flynn macht schon seit drei Jahren Pop-up-Restaurants in der Stadt, das erste mit Daniel Humm vom Eleven Madison Park. Und selbst das wäre nichts Besonderes, aber als er sein erstes Pop-up aufgemacht hat, war er 15 Jahre alt. Flynn ist eine Ausnahmefigur, aber auch ein echter Typ. Mit zehn Jahren hat er sich schon für das Essen und Kochen interessiert, er hat das Wohnzimmer mit der Unterstützung seiner Eltern zu einer Küche umgebaut. Ein toller Film. Und noch besser: Flynn kocht an diesem Abend auch.

Bleibt er nur für den einen Tag in Berlin?
Nein, er nimmt auch an dem „Youth Food Cinema“-Day teil, eine Veranstaltung mit Jugendlichen, und er ist ja auch erst 19 Jahre alt. Seine Botschaft „Ich liebe es zu kochen!“ ist eine der wenigen schlüssigen Antworten darauf, wie es ist, aus dem Schlammassel der Umweltzerstörung einigermaßen gut herauszukommen. Der Weg dafür ist vor allem, wieder damit anzufangen, sich selbst zu ernähren.

Struck

Der Film zeigt, wie es ist, das Handwerk auszuüben und nicht einem Klischee nachzueifern. Was wird denn noch so vorgestellt?
Am Tag darauf kommt ein Porträt von Altmeister Alain Ducasse. Zwei Jahre lang hat ihn ein Kameramann und Regisseur um die Welt begleitet. Europa ist sein Ausgangspunkt, aber auch in New York, Südamerika und in Asien ist er in dem Film zu sehen. Man sieht ihn nur einmal kochen, aber er ist ein gastronomischer Visionär, der aus seinem Gedächtnis heraus seine Konzepte entwickelt. Sein neues Restaurant in Versailles mit einem uralten Gemüsegarten ist die dramaturgische Klammer des Filmes, die Natürlichkeit der Produkte ist für ihn enorm wichtig. Und da Alain Ducasse nicht mehr kocht, ist dafür Thomas Bühner dabei, Küchenchef vom Drei-Sterne-Restaurant „la vie“ in Osnabrück.

Wie ist denn der Prozess, von der Filmauswahl bis zum Menü?
Erst muss der Film da sein, dann wird geschaut, ob der Film auch passt und den Richtlinien entspricht. Dann wird der Film zum Kandidat. In Absprache mit Dieter Kosslick kommt der Film letztendlich ins Programm. Und dann schaut man, wer als Koch zur Verfügung steht und was Sinn macht. Es gibt auch immer ein Abstimmungsessen. Bei Alain Ducasse hat Bühners filigrane Art einfach gepasst. Und es soll ja auch nicht nachgekocht werden – Thomas Bühner bleibt Thomas Bühner.

Ich habe gehört, dass Michael Kempf auch wieder dabei ist, richtig?
Michael kocht zu einem Film, der nicht aus der Glamourecke kommt. Es ist ein Film aus Georgien und Georgien ist bekannt für seine berühmten Naturweine. Das Land hat eine fast 8000 Jahre alte Weinkultur und genau darüber geht es auch in diesem Film. Es ist eine Zusammenarbeit von einem jungen Sommelier aus Chicago und einer jungen Filmemacherin. Es ging los mit einem iPhone 6, dann ist eine zweite Kamera dazugekommen und das Material wurde professionalisiert. Diese Weine haben ja auch etwas Raues und der Film ist auch nicht so glatt, das passt perfekt zusammen.

Und Sonja Frühsammer ist wieder dabei. Als einzige Köchin beim Kulinarischen Kino und einzige Sterneköchin Berlins.
Genau, die Frauenproblematik in der Sterneküche besteht immer noch. Aber es werden mehr und mehr Frauen in der professionellen Küche und wir sind froh, Sonja wieder dabeizuhaben. Sie kocht zu einem Film aus Kuba. Das Land ist gerade im Umbruch. Kuba ist ähnlich wie Georgien. Die Kultur und Tradition ist mehr oder weniger untergegangen und wird wiederentdeckt.

Doch es gibt nicht nur Sterneköche?
Duc Ngo ist für Berlin ein großer Glücksfall. Er ist ein Profi und kocht populär, aber auch vielfältig.

Duc Ngo macht allen Mut, die ihre Heimat verlassen mussten. Er zeigt, dass es eine Möglichkeit gibt, sich auch in Deutschland beheimatet zu fühlen und mit der Familie etwas aufzubauen.
Ich habe ihn durch unsere Zusammenarbeit kennengelernt. Wir haben ihm den Film von Regisseur Eric Khoo gezeigt, der auch vor zwei Jahren einen Dokumentarfilm über die Streetfood-Szene in Singapur gemacht hat. Und ich habe den Eindruck, dass Essen dort eines der Hauptthemen ist, das gilt auch für Eric Khoo. Jetzt hat er einen Film über ein anderes großes Thema gemacht: Erinnerung und Versöhnung. Er erinnert an den Zweiten Weltkrieg, aber auch der Familienkonflikt spielt eine Rolle. Zum Schluss gibt es die große Versöhnung, die sehr zartfühlend erzählt wird. Und als Duc den Film gesehen hatte meinte er: Das ist mein Film!

Eine sehr interessante Auswahl für diese Ausgabe des Kulinarischen Kinos. Vor allem sprechen all diese Filme auf eine subtile Art die aktuelle Problematik an.
Aber von einem Film muss ich dir noch erzählen. Wenn du etwas mit gemischten Gefühlen, aber auch mit Humor sehen willst, ist es The Game Changers. Es ist ein Film über Bodybuilder und Muskelhelden. Und mit dabei ist auch James Cameron als Executive Producer und Arnold Schwarzenegger. Die sind alle Vegetarier und Veganer geworden und erklären in dem Film, dass durch Ausgrabungen anscheinend belegt ist, dass die Gladiatoren in Rom alle nur pflanzenbasierte Kost zu sich genommen haben. Ein ernster Film, aber man amüsiert sich auch sehr.

Und was ist das diesjährige Motto?
Das Motto ist „Life is delicate“. Wir befinden uns ja in einem unbalancierten Zustand, der delikat und heikel zugleich ist. Und die Küche ist immer ein heikler Punkt. Aber ohne über die Grenzen zu gehen, passiert ja auch nichts.

12. Kulinarisches Kino
18. bis 23. Februar 2018, www.berlinale.de,
19. Februar ab 17 Uhr: TeaTime: Life Is Delicate mit T hoch 3 (Thomas Bühner, Thomas Ellrott, Thomas Vilgis)
im Gropius Mirror Restaurant. Teilnahme nur mit Anmeldung unter kulinarisches.kino@berlinale.de,
22. Februar ab 10 Uhr: „Youth Food Cinema“-Tag