Bénédict Berna und seine Frau Martina Carl im Rhinoçéros, Foto: Belek Wunderlich Aufmacher Rhinoçéros
Am Tresen

Fotos: Herr Lindemann Herr Lindemann

Herba Liquidium

In der Bar Herr Lindemann werden Cocktails aus kräutrigen Tinkturen serviert. Peter Edinger fabriziert sie alle selbst

Der Richardplatz mitten im Neuköllner Rixdorf hat sich seinen gemütlichen Dorfcharakter bewahrt. Genau dort passt die Bar mit dem einprägsamen Namen und dem großen Vorgarten auch hin. Peter Edinger kommt ursprünglich aus der Pfalz, dort lebte einst der Namensgeber seiner Bar. Herr Lindemann experimentierte in den 1920er Jahren mit Heilkräutern und wollte seine berauschende Produkte auch in Berlin verkaufen, was die Polizei aber nicht erlaubte. Fast 100 Jahre später greift Peter Edinger die Idee wieder auf und kreiert heute in seiner Bar Cocktails auf Heilkräuterbasis. Bei seinen Recherchen fand er nur die New Yorker Bar Apotheke, die mit einem ähnlichen Konzept erfolgreich ist.

In seinem Garten in Brandenburg baut Edinger in Kräuterspiralen die aromatische Basis seiner Cocktails an. Seine fünfjährige Erfahrung als Barkeeper hilft ihm beim Experimentieren, welche Tinktur am besten mit Gin, Rum und Co. harmonisiert.

Die Barkarte ist liebevoll gestaltet, mit Illustrationen und vielen Informationen, welche heilsame Wirkung in welchem Kraut steckt. Edinger kommt mit dem Kopieren fast nicht nach, denn so mancher Gast steckt sich die Karte rein zufällig in die Tasche, wahrscheinlich um sich am nächsten Morgen zu versichern, dass der Barbesuch rein medizinischer Natur war.

Herr Lindemann 1

„Die Kräuter werden als Sirup, Infusion oder frisch in die Cocktails gemischt und entfalten dort ihr volles Aroma“, so Peter Edinger und mixt einen Thymian Gimlet. Im Glas präsentiert sich eine leichte, aber wunderbar aromatische Interpretation des Klassikers, erfrischend und trotzdem von schöner Tiefe. Ein absoluter Favorit der Gäste: Der Ziegenpeter, eine Mischung aus mit Ziegenkraut infusioniertem Rum, Wermut, Zitronensaft, Grapefruitsaft und Bitters. „Die Engländer nennen das Ziegenkraut auch horny goat weed.“ Geschichten sind bei Herr Lindemann Programm und werden vom begeisterten Peter Edinger mitreißend erzählt. Alle Kräutercocktails haben witzige Namen, wie Sherry Tea Cobbler mit Sherry Manzilla, Tee-Destillat und Orangenblütenwasser oder Miss Piggys Delight mit Salbei-Elixier auf Gin-Basis, Minztee und Orangen-Sherbet. Auf der Karte stehen aber auch die Allzeitklassiker wie Bloody Mary, Cosmopolitan oder Old Fashioned, sowie eine feine Auswahl an Bier und Wein. Es gibt einen Raucherraum, die Einrichtung ist gemütlich im minimalistischen Industriedesign mit viel Holz. „Ich war etwas satt von dem typischen Berliner Stil, einfach alles kreuz und quer zu mischen, und wollte bei der Einrichtung eine einheitliche Linie reinbringen“, so Peter Edinger. Sein persönliches Lieblingsstück ist eine Leiter, mit der er am Getränkeregal entlangfahren kann. Ab Januar soll es eine minimalistische Barfood-Karte geben mit vorwiegend vegetarischen Snacks – natürlich auf Kräuterbasis. (Claudia Kleist)

Herr Lindemann
Richardplatz 16, Neukölln, www.facebook.com/BarHerrLindemann, Drinks ab 9 €, cash only


Foto: Belek Wunderlich Rhinoçéros 1

Drinks, Vinyl und gute Gespräche

Im Rhinoçéros steht neben gut gemixten Cocktails auf dem Tresen auch ein Plattenspieler in der Ecke. Die Gäste können ihre eigenen Platten mitbringen

Endlich haben sie es geschafft. Bénédict Berna und seine Frau Martina Carl haben ihre eigene kleine Weinbar in der Rhinower Straße eröffnet. Entspannt, gemütlich und ein wenig abseits liegt sie und trägt, passend zur Straße, den Namen: Rhinoçéros. Das ehemalige Linda Carrell haben sie entstaubt und aufgehübscht. Geblieben ist der gusseiserne Kaminofen, in dem jetzt ein wärmendes Feuerchen prasselt.

In der Bar gibt es viel Holz, eine breite Fensterfront, Retrolampen und natürlich die Musikecke mit zwei wunderschönen Vintagelautsprechern, einem Plattenspieler und einer beeindruckenden Vinylsammlung. Bénédict Bernas Leidenschaft ist, neben den Cocktails, die Musik, er hat viel in Berliner Clubs gearbeitet. Maria am Ostbahnhof, Chez Jacki um nur einige Stationen zu nennen. „Für mich ist die Musik in einer Bar mindestens genauso wichtig, wie die Qualität der Cocktails.“

Darum sollen die Gäste in der Rhinower Straße auch die Musikrichtung des Abends mitbestimmen dürfen. Die Gastgeber freuen sich schon auf die Interaktion zwischen den Besuchern, denn „Musik verbindet und spricht eine internationale Sprache“. Es gibt keine vorgegebene Richtung, zwar steht Jazz ganz oben auf der Liste, aber „wir sind offen für alles“, so Berna und Carl. Und die Lautstärke passt sich der Umgebung an, so dass man sich immer noch sehr gut unterhalten kann. Bis auf Tee und Kaffee bekommt man im Rhinoçéros alles, was zu einem entspannten Barabend gehört: Drinks, Bier, Wein und feines ausgesuchtes Barfood. Vieles hat einen Bezug zu Bénédict Bernas französischer Heimat. Die Charcuteries-Salaisons, ein spezieller roher Schinken und geräucherte Würste kommen aus seiner Heimatstadt Saillans – Drôme. Natürlich ist die Käseauswahl französisch, es gibt hausgemachte vegane Olivenpaste und das Brot kommt von Albatross aus Kreuzberg. Auf der Karte stehen ausgesuchte Biere von Berliner Brauereien, die Weinauswahl ist klein, aber fein und mit klarem Fokus auf Frankreich.

Im Rhinoçéros bekommt man die klassischen High Balls und unter anderem, wie passend, den Rye Whiskey Vulson aus Frankreich mit einem Rhinozerus als Emblem. Der Alp Ball mit Braulio Amaro aus der Lombardei und Dolin rot, sowie der Italicus mit weißem Vermouth und weißem Cap Corse von Mattei zeigen die Verbundenheit von Bénédict Berna mit seiner Heimat. (Claudia Kleist)

Rhinoçéros
Rhinowerstraße 3, Prenzlauer Berg, www.rhinoceros-berlin.com,
Drinks ab 6,50 €, Wein ab 4,50 €, Food ab 4,50 €, cash only


Tuan Nguyen, Foto: Wagner Wagner

Neu erfundene Klassik

Gastfreundschaft nur für Erwachsene. Im ehemaligen Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer hat das Cocktailbistro Wagner eröffnet

Der markante Klinkerbau an der Ecke Ohlauer Straße erwacht zu neuem Leben. Der Start-up-Campus von Google ist noch am Entstehen. Bereits startklar ist jedoch Wagner. Das markante W im Schriftzug beleuchtet den Eingang durch den Vorgarten an der Uferseite und schon steht man mitten im Cocktailbistro. Der Empfang ist schon mal sehr erfreulich. Das Interieur mit viel Holz, Metall, klaren Strukturen, warmem Kerzenlicht, eine kleine Empore mit Tischen. An der Bar sitzt man ungewohnt niedrig, aber gemütlich auf Augenhöhe mit dem Bartender. Ein langer Tisch am Fenster lädt ein für größere Gruppen oder man gesellt sich dazu und kommt mit anderen Gästen ins Gespräch.

Ramses Manneck, umtriebiger Mastermind von Wagner und bestens bekannt von Industry Standard und Wild Things hat für sein neuestes Projekt erfahrene Berliner Gastgeber zusammengebracht: Thomas Leitner, ehemaliger Sous-Chef von Les Solistes, Jan Hugel, Sommelier und bekannt aus dem Bandol sur Mer, Parker Bowles und der Wild Things Winebar. Sébastien Saris fungiert als Gastgeber, der talentierte Tuan Nguyen ist für die Bar verantwortlich. Gestandene Jungs, die jeder für sich, und auch zusammen, genug Erfahrung haben, um wissen, wie es geht.

„Wir sind Freunde und wollen hier im Wagner einfach gastfreundlich sein.“ Alle arbeiten entspannt, trotzdem sehr konzentriert und professionell. Ramses Manneck hat genug von Trends und Neuerfindungen, auf die täglich wechselnde Karte kommt, was das Team selbst mag. Von 11 bis 17 Uhr Frühstück und Lunch mit gebrühtem Kaffee, Tee oder frischen Säften, selbstgebackenem Brot, Variationen von Rührei, veganen Gerichten oder Fleisch. Ab 18 Uhr gibt es die Abendkarte. Headchef Thomas Leitner kocht auf hohem Niveau, ihm macht das Konzept der Bistroküche sehr viel Spaß. „Gute Produkte, saisonale Gerichte, die aber nicht überteuert sind, das ist mein Anspruch hier im Wagner.“

Die im Ofen gebackene Aubergine ist butterzart, mit intensivem Birnenaroma und Topinamburchips, die Blutwurst-Dim-Sum in Rosmarin Brühe sind aromatisch und fein abgestimmt. Der Hasenpfeffer mit Spätzle ist winterlich gewürzt, wunderbar zart mit einer reduzierten, intensiv schmeckenden Sauce. Die Weinkarte ist überschaubar und verrät die Affinität von Jan Hugel für Naturwein. Im Kühlschrank liegen immer Flaschen bereit, die nicht auf der Karte stehen und die sich die Gäste selbst aussuchen können.

Tuan Nguyen leitet den Barbereich, auch er mit viel Erfahrung und Spaß am Experimentieren. Der Hausdrink nennt sich Quetzalcoatl und ist auf Mezcalbasis. Selbstgemachte Kräuterinfusions sind eine seiner Leidenschaften. Die Gin-Hausmarke, Tarquin’s Cornish The Seadog Navy Strength, gibt es in Berlin nur hier zu trinken. Bleibt noch eine Frage: Woher kommt der Name? „Durch Zufall haben wir den Vintageschriftzug beim Lampenkaufen entdeckt“, so die simple Erklärung von Ramses Manneck. (Claudia Kleist)

Wagner Cocktailbistro
Ohlauer Straße 43, Kreuzberg, www.wagnerbistro.de,
Drinks ab 6.50 €, Wein ab 5 €, Bier ab 3 €, Food ab 3 €